10 Mar

Freiheitskino in Bogotá


Freiheitskino in Bogotá

 

Gespräch mit dem kolumbianischen Filmschaffenden Felipe Moreno



Seit der Befreiung von Kolumbiens bekannte­ster Geisel, Ingrid Betancourt, genießt Präsident Älvaro Uribe große Zustimmung bei der Bevöl­kerung - Para-Politikskandal hin, Repression gegen die Zivilbevölkerung her. Abweichende Meinungen finden kaum Gehör. Zwei alternati­ve Medienprojekte aus Bogota wollen diese Situation verändern.


von Zeljko Crncic

In Kolumbien ist das Klima für alternative Projekte wie Kurzfilme ziemlich schlecht”, meint Felipe Moreno. Er startete vor sechs Jahren in der Hauptstadt Bogota, die vom links-liberalen Polo Democrático regiert wird, das Projekt Espejo (Spiegel). Ziel ist die Ausstrahlung von Kurzfilmen und anderen Beiträgen im Stadtfernsehen Canal Capital. Das Projekt ist eine Plattform für alternative Ausdrucksformen. „Durch diese Arbeit wurden wir uns der schwierigen Lage der Indigenen und Bauern bewusst”, erzählt der Filmschaffende. „Sie produzieren Videos, die über ihre Lage und ihren Kampf berichten. Wir unterstüt­zen sie dabei, mit Hilfe des Kanals ein Publikum zu errei­chen, das sonst nichts von,den Zuständen im ländlichen Kolumbien mitbekommt.”
Die Medienlandschaft Kolumbiens ist sehr überschaubar. Es gibt zwei große Tageszeitungen, von denen die eine -El Tiempo - durch persönliche Beziehungen ihrer Besitzer eng mit der Regierung verbunden ist. Darüber hinaus gibt es drei öffentliche Fernsehkanäle. „Sie haben jahrelang diskutiert, ob wir so was wie einen dritten Kanal, für den wir uns einsetzten, überhaupt brauchen. Im regionalen Vergleich stehen wir wirklich schlecht da. Ecuador hat sechs, Bolivien fünf und Venezuela hat acht Fernsehkanä­le”, erzählt Moreno. In Kolumbien wird die Medienszene von einigen wolligen Großkonzernen kontrolliert: „Die einen kontrollieren RCN und die anderen Caracol, die beiden wichtigsten Fernsehsender.”

Das Projekt Espejo und das Cinelibertad (Freiheits-kino) wollen als Gegenöffentlichkeit dienen und Informationen liefern, die den Zuschauerinnen in den anderen Medien nicht zugänglich gemacht werden. „Die Kolumbianerinnen müssen viel arbeiten, um über die Runden zu kommen. Nach Feierabend lassen sie sich von den Seifenopern berieseln, die mit wenigen Unterbrechun­gen den ganzen Tag im Fernsehen zu sehen sind.” Man­che, vor allem junge Mädchen, berichtet Moreno, haben den Lebensstil der Telenovelas stark verinnerlicht: „Die reden sogar wie diese Tussen aus den Serien.” Cinelibertad, das Freiheitskino, ergab sich aus dem Projekt im öffentlichen Lokalfernsehen. Seit einem )ahr   u wird jeden Freitagabend im alten Stadtkern von Bogota ein Straßenzug gesperrt. Diese Idee stammt von der Stadt­regierung und soll das hohe Verkehrsaufkommen wenig­stens für ein paar Stunden eindämmen. Fußgängerinnen können ungestört flanieren und sich bei Interesse auch einen Film anschauen. Die Gruppe um Moreno begann die verkehrsberuhigte Zone für ihre Anliegen zu nutzen. Die Filmschaffenden bauen einen Bildschirm auf und zeigen Kurzfilme, die oft das Leben der Stadtbewohnerin­nen widerspiegeln.
„Wir zeigen einen Film über Straßenhändler und es ist interessant zu sehen, wie die Straßenhändler stehen blei­ben und ihre eigene Situation auf dem Bildschirm verfol­gen. Manchmal schauen zwanzig Leute zu und es ergeben sich Diskussionen über das Gesehene.”
Das ungewöhnliche Straßenkino regt Passantinnen, Bus­fahrer, kleine Händlerinnen und andere im besten Fall zum Nachdenken an: „Es gab schon Fälle”, sagt Moreno, „da kamen Anhänger von Uribe vorbei. Sie haben einen Film über die Gewalt gegen Indigene oder Bauern gesehen. Sie waren empört über das, was da geschah, und erkannten, dass ihnen Informationen vorenthalten wer­den.”
Meistens sind es jedoch dieselben Leute, die nach einem Film zum Diskutieren verweilen. Die Zweiteilung zwi­schen Anhängerinnen des Präsidenten und seinen Kritike­rinnen ist sehr stark ausgeprägt, was auch mit der Medien­situation zu tun hat. „Bei uns gibt es eine tiefe Spaltung. Entweder du bist für Uribe oder fast schon ein Terrorist. Diese Stigmatisierung jedweder Opposition wird beson­ders stark von den Massenmedien forciert, die die aggres­sive Sprache des Präsidenten gegen seine Kritikerinnen einfach übernehmen.”
Gleichzeitig wird auf alternative Journalistinnen Druck ausgeübt, bestimmte Dinge nicht öffentlich zu sagen. Moreno berichtet von einem seiner Beiträge über den Gewaltkonflikt in einer Kleinstadt, der von seinem Vorge­setzten zensiert wurde.
 
Unter der Politik, die in Gut und Böse teilt, haben soziale Aktivistinnen zu leiden, aber auch indigene Gruppen, die in ihrem Siedlungsgebiet, beispielsweise im Cauca, schweren Repressionen seitens der Militärs und der mit ihnen verbündeten paramilitärischen Gruppen ausge­setzt sind. Zudem werden sie von den FARC immer wieder angegriffen, wie zum Beispiel in der Gemeinde Toribfo. Im Laufe seiner Arbeit ist Felipe Moreno durch Dokumen­tarfilme, die die Gemeinden selbst über ihre Lage gedreht haben, mit ihrer Situation in Berührung gekommen. „Die lndigenen kämpfen für den Erhalt ihrer Kultur, sie sind weder Kommunisten noch Guerilleros. Trotzdem werden sie immer wieder angegriffen”, führt der Aktivist aus der Hauptstadt aus.
Das neueste Projekt der Fernsehleute aus Bogota hat auch mit den kolumbianischen Ureinwohnerinnen zu tun. Die dokumentarischen Kurzfilme der lndigenen, die vorher in die Hauptstadt reisten, um ihre Anliegen vorzubringen, führen nun die Hauptstädter in die Heimat der Nasa, eines Volkes, das im südkolumbianischen Cauca angesie-delt ist. Am 12. Oktober demonstrieren die lndigenen traditionell aus Anlass der Ankunft von Christoph Kolum-bus in Amerika und machen auf ihre nach wie vor prekäre Lage aufmerksam. Dieses Mal werden sie von Aktivistin-nen des Projektes Espejo begleitet, um mehr Sicherheit zu garantieren und um die Demonstration der lndigenen zu dokumentieren.
„Wir hoffen, dass wir mit unserem Filmprojekt einen kleinen Beitrag im Kampf der lndigenen um ihre Rechte leisten können”, resümiert Felipe Moreno. Tatsächlich ist es im Zusammenhang mit den Protesten der lndigenen des Cauca zu Übergriffen der kolumbianischen Polizei gekommen, bei denen es mindestens drei Todesop­fer und über hundert Verletzte auf Seiten der lndigenen zu beklagen gab. Die lndigenen hatten einen Verkehrsknoten­punkt zwischen Popayän und Cali besetzt und forderten, dass Präsident Uribe ihre Anliegen - ein Ende der gewaltsa­men Übergriffe gegen Indigene, bei denen seit 2002 etwa 1000 Personen getötet worden sind - zur Kenntnis nehme. Die Regierung antwortete in gewohnter Manier, nämlich indem sie die wohlfeile Guerilla-Keule auspackte und die lndigenen der Subversion beschuldigte. Bleibt zu hoffen, dass Projekte wie das von Felipe Moreno zur Aufklärung der Lage in den ländlichen Gebieten Kolumbiens beitragen und die pauschale Beschuldigung „Kollaboration mit der Guerilla” in Zukunft erschweren. ♦

Tod und Totenkult in Lateinamerika - ila 320 November 2008

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